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Komponist und Dirigent Hans Carste. Biografisches
22.04.2015, 12:05

Die seit 1956 verwendete Vorspannmelodie der ARD-Tagesschau (6 Töne) stammt aus dem Schlussakkord der "Hammond-Fantasie" von Hans Carste, die H.Carste in sowjetischer Kriegsgefangenschaft komponierte.

Hans Carste: „Ich nehme die leichte Musik ernst“. Beitrag von Prof. Dr. Martin Lücke.

Täglich wird die ARD-Tageschau mit einer kurzen Fanfare eingeleitet, doch ist ihr Urheber inzwischen vollständig in Vergessenheit geraten: Hans Carste. Im September 2009 jährte sich zum 100. Mal der Geburtstag des Komponisten, Dirigenten und langjährigen Abteilungsleiters des Berliner RIAS, der der Nachwelt neben obiger Fanfare ein umfangreiches Schaffen von Operette bis Schlager hinterlassen hat. Er konnte, wie Herbert Kundler in einer Matinee sagte, „in unnachahmlicher Weise Freude geben und sich selber freuen. Er war großzügig, weltoffen, er hatte Stil, er hatte Charme, er hatte Format. Hoffnung, Erfolg, Freude am Schönen und menschliche Anteilnahme am Schicksal anderer prägten sein Lebensgefühl. Das Fluidum seiner Persönlichkeit teilte sich anderen mit und schuf Zuneigung, Vertrauen und Respekt.“

Hans Carste, eine Lebensgeschichte in drei Akten.

Akt 1:

Geboren wurde Carste als Hans Friedrich August Häring am 9. September 1909 in Frankenthal/Rheinpfalz, wuchs jedoch in der Wachau auf. Auf Wunsch seiner Mutter begann er an der Wiener Hochschule für Welthandel ein Studium der Staats- und Wirtschaftswissenschaften, besuchte aber parallel dazu Musikkurse und bemerkte schnell, dass ihn ein Leben als Jurist oder Wirtschaftswissenschaftler nicht glücklich machen würde. Konsequenterweise verließ er die Universität nach zwei Semestern in Richtung Musikakademie. Während seines Musikstudiums verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Korrepetitor an der Wiener Volksoper, von wo aus er an die Oper Breslau vermittelt wurde. Hier erst gab sich Hans Häring den neuen, klangvolleren Künstlernamen Carste. „Im Jahre 1929“, so sein Anwalt in den fünfziger Jahren, „gelang es ihm, einen Verleger für seine erste Komposition, eine Serenade, in dem Verlagshaus Julius Hainauer in Breslau zu finden. Dieses Verlagshaus erklärte meinem Mandanten, dass der Name Häring für einen angehenden Komponisten absolut hemmend sei.“ Und so erschien das angesprochene Werk erstmals unter dem klangvolleren Namen.

Nach diesem Intermezzo zog es Carste in die pulsierende Kulturmetropole Berlin, wo er sich sein karges Auskommen zunächst als Pianist in teils schummrigen Etablissements verdiente. Doch mit der Instrumentierung von Werner Richard Heymanns „Bomben auf Monte Carlo“ (1931) machte er sich erstmals im Filmgeschäft einen Namen und nur ein Jahr später erhielt er den Auftrag für seine erste eigene Filmmusik, der bis zum Beginn des Krieges 24 folgten. Aber auch mit schmissigen Schlagern hatte Carste nun erste Erfolge. „Küss mich“ oder „Sie will nicht Blumen und nicht Schokolade“ wurden zu Evergreens. Bis Ende 1941 befand sich Carste – inzwischen Exklusivdirigent mit eigenem Orchester bei Electrola – auf einer Welle des Erfolgs, doch schien dieser plötzlich nichts mehr wert zu sein, und im Januar 1942 wurde er zum Militärdienst einberufen.

Akt 2:

Carste diente als Offizier an der Ostfront und geriet nach wenigen Monaten schwer verwundet in russische Gefangenschaft. Was genau in den ersten Jahren seiner Haft geschah, darüber hat er nie Auskunft gegeben. Gesichert ist, dass er kurz vor Kriegsende in das Lager „Grjasowez“, nördlich von Moskau, verlegt wurde. Dort geschah aus heutiger Sicht Erstaunliches. Carste, von den schwersten Verletzungen halbwegs gesundet, begann wieder auf selbst hergestelltem Notenpapier, Tüten oder kleinen Zetteln zu komponieren, um aus der täglichen Monotonie des Lagerlebens und dem stets drohenden Verlust der Identität auszubrechen. Gleichzeitig gab der Lagerkommandant dem aus Berlin stammenden Konzertmeister Kurt Mühlmann, die Möglichkeit, ein 52-köpfiges Lagerorchester aufzubauen, dessen Leitung Carste übernahm. Zahlreiche Noten erhielt das Ensemble aus einem nahen Konservatorium, und zudem verspürte Carste mehr und mehr Freude zu komponieren, seine Gefühle in Noten auszudrücken. Die im Lager entstandene russische Romanze „Duschenka“ – sein erster Nachkriegserfolg – widmete er einer russischen Ärztin, die ihm das Leben gerettet hatte.

Im Sommer 1948 war es schließlich soweit. Nach sechsjähriger Gefangenschaft wurde Carste entlassen. Sein Ziel war Berlin, eine Stadt, die nicht mehr die war, die er 1942 verlassen musste.

Akt 3:

Hans CarsteKurz nach seiner Rückkehr erhielt Carste im April 1949 die Position als Leiter der Abteilung Leichte Musik des neugegründeten RIAS und förderte in dieser Funktion bis zu seinem Tod 1971 zahlreiche Komponisten und Interpreten. Ein besonderes Ereignis seiner kompositorischen Arbeit war die Uraufführung der Operette „Lump mit Herz“ am 1. Februar 1952 in Nürnberg, die zu großen Teilen während der Gefangenschaft geschrieben wurde. Dort entstand auch die Skizze zu einem Werk, das 1952 in Stuttgart als „Hammond Fantasie“ aufgeführt wurde. Per Zufall wurden deren letzte Takte ab 1956 zur Eröffnungsfanfare der Tagesschau. Carste war damit, auch finanziell gesehen, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, doch entwickelte sich daraus Mitte der sechziger Jahre ein jahrlanger, medial vielbeachteter Rechtsstreit zwischen ihm und seinem damaligen Arrangeur Rudolf Kühn, der ein Miturheberrecht für sich beanspruchte.

Abgesehen davon schrieb Carste weiterhin zahlreiche Schlager – „Mein Teddybär“, „In der Schweiz“ u.v.m. – sowie weitere Werke der Leichten Musik und machte sich damit nicht nur in Berlin einen Namen. Die jährlichen Operettenkonzerte in der Berliner Philharmonie, seine spektakulären Gershwin-Programme sowie die Promenadenkonzerte vor der Berliner Kongresshalle waren Highlights der Saison. Folgerichtig erhielt er 1961 den Paul-Lincke-Ring, 1966 die Professorenwürde.

Viel zu früh verstarb Hans Carste nach schwerer Krankheit 1971 in Bad Wiessee.

Martin Lücke


Weiterführende Literatur:

Martin Lücke: „Ja, der Kurfürstendamm kann erzählen“. Unterhaltungsmusik in Berlin nach 1945, B&S-Verlag, Berlin 2009. (ISBN: 978-3-936962-46-8)

Kategorie: Medienberichte | Hinzugefügt von: Anatoli
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